“
»Nicht immer ist das ›Als ob‹, das erzeugt und zwingend aufrecht erhalten werden muss, eines, das seinen mondänen Praktizierenden schmeichelt. Es kann auch vorkommen, dass sie sich dümmer, geschmackloser oder naiver stellen, als sie wirklich sind. Wenn ganze subkulturelle, künstlerische und intellektuelle communities sich in den 90er Jahren versammelten, um keine Folge der doch wenig anspruchsvollen Fernsehserie ›Beverly Hills 90210‹ zu versäumen (eine Praxis, die sogar einen eigenen Namen erhielt: das ›Beven‹), dann spielen sie einem unsichtbaren Beobachter beträchtliche Naivität vor. Ihre Nicht-Naivität und ihre Zivilisiertheit jedoch liegt darin, dass sie diese Illusion aufrechterhalten, ohne sie jemals zu durchbrechen. Sie sind darin solidarisch, nicht zu verraten, dass sie die Serie für Kitsch halten, und tun so, als ob es sich um ein großartiges Werk handelte. Dadurch ermöglichen sie es sich, gegen alles Interesse ihrer gebildeten geschmacklichen Sinne zu genießen. In dem durch das Kollektiv gestärkten, vollen Bewusstsein ihres Spiels freuen sie sich, gemeinsam einen virtuellen Beobachter hinters Licht zu führen, der glauben könnte, sie wären naiv und hätten einen schlechten Geschmack. Wie in der Ästhetik des Erhabenen ist auch in der (ihr strukturanalogen) Ästhetik des Kitsches das kollektive Feiergebot die entscheidende Bedingung für die lustvolle Erfahrbarkeit des unguten Objekts.«
Robert Pfaller, »Wofür es sich zu leben lohnt. Und was uns das vergessen lässt: Über-Ich, Narzissmus, Beuteverzicht«, in: Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, hrsg. von Christoph Menke und Juliane Rebentisch, Berlin 2010, S. 191 - 207, hier: S. 197.